Eine Nacht im Museum

Gestern Morgen haben wir uns ja in Frombork in Richtung Grenze aufgemacht. Wir hatten recht schnell gepackt und saßen trotz quatschender Reiseradler (Räder, Route, Tipps, Räder, Tipps, Route) recht früh im Sattel. Zu den Tipps gehörte, dass man auf keinen Fall den Campingplatz in Kaliningrad ansteuern sollte. Es gäbe kein fließendes Wasser. Wir also das Handy raus und das WLAN genutzt, dass uns unser Platzwart (der aussah, wie ein solider Unix-Admin) zur Verfügung gestellt hat. Wir haben die erstbeste Unterkunft gebucht, eine Kajüte auf einem Schiff. Unsere Kaliningrader Zelt-Nachbarn meinten aber, das Schiff wäre ein Museum und sie könnten sich kaum vorstellen, dass man da übernachten kann.
Wir haben den Gedanken verdrängt und sind erstmal Richtung Grenze.

Im Rossmann in Braniewo (ja gibt es hier, überall) haben wir die letzten Zloty für Kekse, Deo und Sonnenmilch auf den Kopf gehauen. In Braniewo war alles voller bestgekleideter Jugendlicher. Nach einer Weile wurde klar, dass diese alle ihr Zeugnis in der Hand hielten und ein Endlich-Ferien-Gesicht hatten.

Der Zoll war unerwartet unspektakulär. Wir durften mit den Rädern an der Autoschlange vorbei und ganz nach vorne. Eigentlich wollten wir Motti ja schmuggeln, aber am letzten Kontrollposten hat dann der Obergrenzbeamte doch noch einen Blick in den Anhänger geworfen und wir waren froh, auch für Motti ein Visum zu haben.
Auf russischer Seite angekommen sind wir dann nahtlos von „tak“ auf „da“ umgestiegen. Naja fast nahtlos.

Hinter der Grenze wollten wir mit dem Rad nur bis Laduschkin fahren, der Straßenbelag ist zwar perfekt, aber die Autofahrer halten deutlich weniger Abstand beim überholen. Wir gehen auf Nummer sicher und nehmen für die letzten dreißig Kilometer bis Kaliningrad den Zug. Dieser fährt zweimal am Tag ab Laduschkin. Unsere Kaliningrader Bekannten hatten uns netterweise die Abfahrtzeiten heraus gesucht. Wir planen den ersten Zug um 16:45 Uhr zu nehmen. Kaliningrad hat aber eine Stunde Zeitverschiebung, also mussten wir quasi schon um 15:45 Uhr da sein. Also nichts wie los die hügelige Schnellstraße entlang.
In Laduschkin angekommen besorgten wir Rubel, Joghurt und Birnen für unsere Zugfahrt. Vor dem Bahnhof stand eine Frau und verkaufte Bier vom Fass. Am Bahnhof trafen wir dann Tania und Michail aus Kaliningrad wieder. Wer nicht kam, war der Zug. Wir wurden nervös. Sehr nervös. Um viertel nach fünf kam dann der Zug und gemeinsam wuchteten wir panisch und in windeseile vier Fahrräder, Gepäck und Mottis Anhänger hoch in den Wagen. Nach nicht mal zwei Minuten war alles verstaut.

Und dann? Dann passierte Nichts. Der Zug stand. Und so lernten wir, dass in Russland Zugfahrpläne manchmal in Moskauer Zeit angegeben werden. Der Zug rollte also pünktlich eine halbe Stunde später um 17:45 aus dem Bahnhof. Meine armen Nerven.
Die Zugfahrt war aber schön und günstig! 120 Rubel für zwei Mann und zwei Fahrräder. Soviel zahlt man hier auch für eine Tasse Kaffee oder drei Bananen. Die anderen Fahrgäste waren allesamt alte Frauen mit großen Taschen voller Zuccini und anderem Gemüse, die Verwandtschaft auf dem Land besucht haben und nun auf dem Weg zurück in die Stadt waren.

In Kaliningrad dann alles hektisch wieder aus dem Zug gewuchtet. Tanias Neffe wartete am Bahnhof, um uns zu helfen. Tania und Michail haben uns dann sogar noch zu unserem Schiff gebracht. Quer durch Kaliningrad. Im Stadtzentrum darf man sein Rad übrigens nur schieben. Insbesondere über Zebrastreifen. Also schieben wir.

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Am Schiff angekommen, merken wir dass wir „you are very lucky“ sind. Auf dem Schiff finden gerade Dreharbeiten zu einer russischen Fernsehserie statt. Und es sind Stars da!!! Wir geben uns von der geballten Ladung russischer Filmgrößen unbeeindruckt und suchen unsere Kajüte auf. Nichts wie unter die Dusche. Und wow: diese Duschen hatte ich auf einem Museumsschiff definitiv nicht erwartet. Foto folgt.
Abends gehen wir Borscht essen und nach eine Nacht im Stockbett sitzen wir jetzt auf der Kant-Insel im Schatten, futtern russische Süßigkeiten und genießen unseren Urlaub.

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Russische Liebesschlösser sind russisch.

Ein Gedanke zu „Eine Nacht im Museum

  1. Brigitte Beitragsautor

    – mit großem Interesse, mit Freude und manchmal mit bangem Herzen lese ich in eurem sehr schönen Reisebericht.
    Das Wetter scheint in Kaliningrad glücklicherweise besser zu sein als im Ruhrgebiet. Bei uns schüttet der Himmel täglich reichlich Kübel mit Wasser aus.
    Gern wäre ich bei euch. Abseits vom Pauschaltourismus zu reisen ist immer etwas ganz Besonderes.
    Liebe Grüße an euch und einen Kuß für das Reisekind Henri.

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